Wer verstehen will, warum Hypnose bis heute zwischen Bühne und Behandlungszimmer steht, kommt an ihrer Geschichte nicht vorbei. Sie beginnt mit einer Theorie, die sich als falsch erwies – und mit einer Beobachtung, die sich als richtig herausstellte.
Mesmer und der animalische Magnetismus
Der Arzt Franz Anton Mesmer vertrat im späten 18. Jahrhundert die Auffassung, ein unsichtbares Fluidum durchziehe alle Körper; Krankheit entstehe, wenn es ins Ungleichgewicht gerate. Seine Behandlungen in Wien und später in Paris waren aufwendig inszeniert und außerordentlich populär.
1784 setzte der französische König eine Untersuchungskommission ein, der unter anderem Benjamin Franklin angehörte. Ihr Ergebnis war eindeutig: Für das behauptete Fluidum fand sich kein Beleg. Die beobachteten Wirkungen führte die Kommission auf Einbildungskraft und Erwartung zurück.
Das war das Ende der Theorie – und zugleich der erste Hinweis darauf, worum es tatsächlich ging. Dass Erwartung körperliche Wirkungen hat, ist heute unbestritten.
James Braid und die Geburt des Begriffs
In den 1840er Jahren beschäftigte sich der schottische Arzt James Braid mit den Vorführungen der Magnetiseure und kam zu dem Schluss, dass kein Fluidum am Werk sei, sondern ein Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit. Von ihm stammt die Wortbildung aus dem griechischen hypnos, dem Schlaf.
Braid erkannte später, dass die Analogie zum Schlaf irreführend ist, und versuchte, den Begriff wieder loszuwerden. Da hatte er sich bereits durchgesetzt – ein sprachliches Missverständnis, das dem Verfahren bis heute anhängt. Hypnose ist kein Schlaf, und die verbreitete Vorstellung von Bewusstlosigkeit geht direkt auf diesen Namen zurück.
Nancy gegen Paris: der Streit um die Erklärung
Im späten 19. Jahrhundert standen sich zwei Auffassungen gegenüber. In Nancy vertraten Ambroise-Auguste Liébeault und Hippolyte Bernheim die Ansicht, Hypnose beruhe auf Suggestion und sei ein grundsätzlich normales psychisches Phänomen.
An der Pariser Salpêtrière hielt Jean-Martin Charcot dagegen: Für ihn war Hypnotisierbarkeit ein Zeichen krankhafter Veranlagung, eng verbunden mit der damals so genannten Hysterie.
Die Auseinandersetzung entschied sich zugunsten von Nancy. Dass Hypnose kein Krankheitszeichen ist, sondern eine normale, unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit, ist bis heute die tragfähige Position.
Freuds Abkehr – und ihre Folgen
Sigmund Freud lernte das Verfahren in Frankreich kennen und arbeitete zunächst damit. Er gab es später zugunsten der freien Assoziation auf, unter anderem weil sich nicht alle Patientinnen und Patienten gleich gut hypnotisieren ließen und er das Verfahren für zu wenig steuerbar hielt.
Diese Abkehr hatte großen Einfluss. Mit dem Aufstieg der Psychoanalyse verlor die Hypnose über Jahrzehnte an fachlicher Bedeutung und wanderte in Richtung Varieté – wo sie den Ruf erwarb, den sie bis heute mit sich trägt.
Milton Erickson und die Rückkehr in die Praxis
Im 20. Jahrhundert brachte der amerikanische Psychiater Milton H. Erickson die Hypnose zurück in die therapeutische Arbeit. Er arbeitete weniger mit direkten Anweisungen als mit indirekten, an die einzelne Person angepassten Formulierungen.
Sein Einfluss auf die heutige Praxis ist groß – auch dort, wo nicht ausdrücklich von Hypnose die Rede ist. Zugleich gilt für seine Arbeit, was für vieles aus dieser Zeit gilt: Sie ist reich an Fallberichten und arm an kontrollierten Studien.
Wo die Forschung heute steht
Hypnotische Verfahren werden seit Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht, und es gibt eine umfangreiche Forschungsliteratur. Die Befunde fallen je nach Anwendungsgebiet sehr unterschiedlich aus.
Eine Übersicht über 49 Meta-Analysen aus dem Jahr 2024 kam zu dem Ergebnis, dass die robustesten Befunde rund um medizinische Prozeduren und Schmerz liegen, und wies zugleich auf die begrenzte methodische Qualität vieler Einzelstudien hin.
Die historisch interessanteste Beobachtung ist dabei, wie nah das Ergebnis der Kommission von 1784 an der heutigen Sicht liegt. Das Fluidum gab es nie. Was es gab und gibt, ist der Einfluss von Aufmerksamkeit und Erwartung auf das körperliche Erleben.
Quellen
- Bericht der königlichen Kommission zum animalischen Magnetismus, Paris 1784
- NCCIH – Hypnosis (Überblick zur Studienlage)
- Übersicht über 49 Meta-Analysen zu Hypnose, 2024





